Angst und Gehirn

 

Bei akuten Angstzuständen und Panikattacken wird das Gehirn von Stresshormonen überflutet, der Körper schaltet in einen Flucht- und Kampfmodus. Adrenalin durchflutet den Körper, der Puls rast, der Blutdruck ist hoch.

Dies sind heftige physiologische Reaktionen, die eigentlich dazu dienen, in einer lebensbedrohlichen Situation durch Kampf oder Flucht zu überleben zu können.

Bei Angsterkrankungen erfolgt eine Fehleinschätzung der Situation an einer zentralen Schaltstelle im Gehirn, bei der sog. Amygdala, dem Mandelkern.

Die Amygdala ist das emotionale Zentrum und gehört zu einem stammesgeschichtlich sehr alten Teil des Gehirns, zum limbischen Symstem.

Sobald wir einen Sinnesreiz aufnehmen, wird dieser zur Amygdala weitergeleitet.

In Bruchteilen von Sekunden findet hier die Einschätzung statt, ob Gefahr im Verzug ist oder nicht.

 

Wird die Situation als gefährlich eingestuft, reagieren wir, bevor wir uns darüber bewusst werden, u.a. mit einem Anspannen der Muskeln, einer Beschleunigung von Herzschlag und Atmung. Liegt eine tatsächliche Gefahr vor, sichert diese schnelle Reaktion uns das Überleben. Das ist der sog. kurze Weg im Gehirn.

Wird die Situation als ungefährlich eingeschätzt, wird die Information weitergeleitet zum sog. Hippocampus, einer Struktur im Gehirn, die eine entscheidende Rolle für unser Gedächtnis spielt. Hier wird das aktuelle Geschehen mit unseren Gedächtnisinhalten abgeglichen.

Über weitere Hirnstrukturen gelangt die Information schließlich zum sog. Präfrontalkortex, wo eine bewusste und detaillierte Deutung stattfindet.

 

Wenn wir gelassen mit auftauchenden Emotionen und Gedanken umgehen und uns Zeit zum Analysieren und Reagieren nehmen können, ist es dieser Teil, der die im emotionalen Gehirn vorprogrammierten automatischen Reaktionen hemmt und moduliert.

Versagt dieses System seinen Dienst, wechseln wir, sobald wir eine potentielle Gefahr wahrnehmen, in den Flucht-Kampf-Modus. In diesem Modus sind durch die erhöhte Stresshormonausschüttung bestimmte Bereiche im Gehirn blockiert.

Wir können dann nicht mehr denken, wir wollen nur weglaufen oder werden aggressiv.

 

Bei einer Angst- und Panikstörung spielt uns unser Gehirn einen Streich. Eine eigentlich ungefährliche Situation wird als lebensbedrohlich eingeschätzt. Das Fahren durch einen Tunnel, das Stehen in einem Stau, das Verlassen des Zuhause können Todesangst mit all den damit verbundenen physiologischen Reaktionen auslösen.

 

So findet zum Beispiel eine erste Panikattacke in einem Fahrstuhl statt. Das Erleben der Todesangst verknüpft sich im Gehirn mit Fahrstuhlfahren. Diesen Vorgang nennt man Konditionieren. Ab diesem Zeitpunkt kann bereits das Anschauen eines Bildes von einem Fahrstuhl oder das Denken daran dieselben Reaktionen auslösen. Der Fahrstuhl ist dann von einem ungefährlichen Transportmittel zu einem bedrohlichen Ort geworden.

 

Da Todesangst sich so furchtbar anfühlt, versuchen die meisten Menschen ab diesem Zeitpunkt dieses Gefühl zu vermeiden. Und da es mit einem Fahrstuhl verbunden ist, wird verständlicherweise vermieden Fahrstuhl zu fahren. Dadurch findet allerdings zugleich eine Bestätigung statt, dass Fahrstuhlfahren wirklich gefährlich ist.

Die Angst, die erlernt worden ist, kann wieder verlernt werden.

 

Wenn man trotz aller Angst und Panik wieder Fahrstuhl fährt und merkt, dass nichts Schlimmes passiert, dass man überlebt, kann die Verknüpfung von Fahrstuhl und Todesbedrohung wieder gelöst werden. Das ist nicht einfach, kostet Kraft, Geduld und braucht einige Übung und oft therapeutische Hilfe. Man trainiert sein Gehirn wieder um.

 

Wird das Vermeidungsverhalten beibehalten, weitet sich die Angst erfahrungsgemäß auf weitere Situationen aus, was soweit führen kann, dass Betroffene irgendwann nicht mehr ihre Wohnung verlassen können. Daher ist es wichtig, frühzeitig mit therapeutischer Hilfe etwas gegen die Angstzustände und das Vermeidungsverhalten zu unternehmen.

 

 

lost - © gyde callesen

Nicht selten sind Angststörungen Folgen einer Traumatisierung, also Folge eines tatsächlich lebensbedrohlichen Ereignisses. Dabei kann es sich um Akut-Traumatisierungen im Erwachsenenalter durch Unfälle oder Verbrechen handeln, aber auch um lange zurückliegende, chronische Traumatisierungen z.B. durch Gewalt- und Missbrauchserlebnisse in der Kindheit.

Durch eine Traumafolgestörung wird das Gehirn nachhaltig verändert. Liegt eine solche Erkrankung vor, ist das therapeutische Vorgehen ein anderes als der oben beschriebene klassische, verhaltenstherapeutische Ansatz.

 

Bei einer Traumatisierung gelingt es nicht, der Gefahr zu entfliehen, sei es durch Flucht oder Kampf. Ist diese normale Reaktionsweise blockiert, weil ein Mensch festgehalten, eingesperrt oder anders gehindert wird, wirksam aktiv zu werden, dann schüttet das Gehirn immer weiter Stresshormone aus und seine Schaltkreise feuern, ohne dadurch etwas bewegen zu können.

 

Die starke Ausschüttung des Stresshormons Kortisol schaltet zudem den Hippocampus ab, der alles, was wir erleben, in einer Lebenslinie abspeichert, also unser autobiographisches Gedächtnis darstellt. So werden traumatische Erlebnisse nicht wie normale Erlebnisse abgespeichert, sondern fragmentiert und zersplittert.

 

Im Falle von posttraumatischen Belastungsstörungen verändert sich die Balance zwischen dem emotionalen und dem rationalen Gehirn radikal, wodurch des wesentlich schwerer wird, die eigenen Emotionen und Impulse unter Kontrolle zu halten.

 

Die Blockierung bzw. Deaktivierung bestimmter Gehirnbereiche durch Traumata führt zu den typischen Traumafolgen wie Gedächtnisverluste, Sprachblockaden, mangelnde Impulskontrolle, Depersonalisationserleben (sich selbst nicht mehr fühlen können), dissoziatives Erleben und so weiter.

 

So entsteht eine Traumafolgestörung – traumatisiert zu werden bedeutet daher, fortan weiter zu leben, als fände die Traumatisierung immer noch statt.